Sophia Fritz
„Toxische Weiblichkeit“
(Vlg. Hanser, 2024) / Ullstein TB, 2026)
www.amazon.de/Toxische-Weiblichkeit-neues-feministisches-Miteinander/dp/3446279156
Dieses Buch wurde mir von meinem sehr wertgeschätzten Speaker am twogether.wien Friedens-Fest empfohlen: vom Autor des Buches „Männerherzen fühlen“, Christoph Glöckler (siehe Rezension unter diesem Link: www.twogetherwien.com/christoph-gloeckler-twogetherwien)
Die Autorin weist gleich zu Beginn darauf hin, dass sie ihr Buch als „feministisches Projekt“ sieht (S. 16). Nach den ersten Seiten und für mich wahrlich unglaublichen Aussagen wie: „Doch während Männer ausschließlich unter ihrer eigenen (toxischen) Prägung leiden, leiden Frauen unter Männern und unter sich selbst. Toxische Weiblichkeit schadet in erster Linie den Frauen.“ (S. 21), war ich nahe dran, dieses Buch wieder wegzulegen. Doch neugierig und beharrlich, wie ich nun mal bin, las ich weiter. Und es hat sich MEHR als nur gelohnt!
Sei's drum. Warum immer die Autorin auf diesen ersten Seiten so ins Thema einführte – damit feministische Frauen es nicht sofort weglegen (?), oder warum immer: Die Autorin zeigte, dass sie sehr wohl darum weiß, dass toxische Weiblichkeit auch das andere Geschlecht massiv in Mitleidenschaft zu nehmen versteht. Und: Das Buch entpuppte sich als äußerst selbstreflektiert und bemerkenswert präzise. Eine herzoffene Aufarbeitung eigenen, biographischen Erlebens sowie eine ihres Gleichen suchende, schonungslos offene Konfrontation mit den „Errungenschaften“ eines heute gängigen Feminismus.
Vergleichbares habe ich vor vielen Jahren lediglich in Esther Vilards „subversiver“ Trilogie: „Der dressierte Mann“ (München, 1987) gelesen.
Am Ende des Buches kam ich jedenfalls zum persönlichen Schluss, dass 50 Jahre nach Vilard, eine weitere Frau ihr persönliches Engagement dafür einsetzt, einem „weiblich orientierten Feminismus“ das Wort zu reden!
Die Autorin hat, was sie unter toxischer Weiblichkeit versteht, in folgende 5 Haupt-Kapitel aufgeschlüsselt: Das gute Mädchen, Die Powerfrau, Die Mutti, Das Opfer, Die Bitch.
Hier ein paar Zitate aus diesem Buch: „Wenn ich Männer auf ihr verletzendes Verhalten hinweise, erhalte ich meist die Antwort: 'Sorry, ich habe nicht gedacht, dass dich das verletzen würde.' Diese Antwort habe ich von einer Frau noch nie bekommen, weil Frauen den inneren Zustand der anderen viel eher mitdenken, by default. ... Anstatt uns für das Innenleben unseres gesamten Freundes- und Familienkreises verantwortlich zu fühlen, sollten wir auf der einen Seite damit beginnen, Männern und Jungs die Kompetenz für ihr eigenes Innen zuzusprechen. Auf der anderen Seite müssen wir Frauen lernen, die Angst vor dem äußeren Raum abzuwerfen. ... Wir strampeln uns die ganze Zeit ab, um unter dem Banner des Empowerments Dominanz zu erlangen, und übersehen dabei, dass die rezeptive Position ja weibliche Ermächtigung ist. ... Wir müssen Empowerment aus den bereits existenten Ressourcen, dem positiven Potential der Weiblichkeit generieren. ... Wir verneinen uns mit dieser Haltung in unserer Weiblichkeit selbst, berauben uns unserer größten Ressourcen, die wir gerade durch die weibliche Prägung mitbekommen – unserer Intuition, des Kontakts zu unseren Emotionen und des feinen Gespürs für unsere Mitmenschen.“ (S. 64f, S. 136f).
Ein Stück weiter: „Die Powerfrau ... ist für den kapitalistischen Arbeitsmarkt ein ideales Token: Nicht nur trägt sie mit ihrer eigenen Arbeits- und Kaufkraft zum ökonomischen Wachstum bei, sie schafft ideale Voraussetzungen für ein System, das mit minimalem Input maximale Ergebnisse liefert. Der Druck, der auf der Powerfrau lastet, macht sie zur perfekten Konsumentin. Durch unkritische Adaption patriarchaler Verhaltensmuster fördert sie dabei Narzissmus, Konkurrenz und Vereinzelung unter Frauen. ... Ich glaube, dass wir im westlichen Postfeminismus der 1990er mit dem Versprechen der Unabhängigkeit geködert wurden. ... Die Powerfrau kann Berge versetzen, doch zu welchem Preis? ... Gerade mit den Menschen in Kontakt zu treten, von denen ich mich mein Leben lang am meisten distanzieren wollte, hat mir geholfen, die Facetten meiner eigenen Selbstverachtung zu erkennen und mich ganzheitlicher wahrzunehmen. ... Wir müssen als Gesellschaft nochmal einen Schritt zurückgehen in unserer Vorstellung der feministischen Powerfrau, weil das Konzept der Power, der Dominanz und Unterwerfung per se patriarchal und uns damit nicht wirklich zuträglich ist.“ (S. 75f, S. 90f).
Oder später: „Wir können weibliche Übergriffigkeit kaum fassen, sprechen selten über sie, auch aus Angst vor einer Täter-Opfer-Umkehr. ... Das Opfer trägt keine Schuld und keine Verantwortung. Das Opfer ist Opfer. Auch ich habe die Opferrolle schon oft benutzt, um mich aus der Verantwortung herauszuwinden. ... Ich frage mich, wie meine Unsicherheit gegenüber Frauen, mein fehlendes Vertrauen in ihr Rückgrat, in ihre Stimme und meine Scham für ebendiese Haltung, miteinander zusammenhängt. ... Wie oft spüre ich trotzdem noch die Feigheit in meinen Knochen und habe das Bedürfnis, lieber wieder nett und unkompliziert als klar und ehrlich zu sein, um den Weg des geringsten Widerstands zu gehen ... statt einander verbindlich zu antworten, so ehrlich wie möglich. ... Ich glaube, dass wir alle kollektiv einer Erzählung aufsitzen die uns fundamental schadet, und zwar der, dass Frauen immer Opfer sind und Männer nur in Ausnahmefällen zu Opfern gemacht werden.“ (S. 105f, S. 115, S. 123f, S. 140).
Mit am stärksten empfand ich eine Stelle im Kapitel „Die Bitch“: „In Frauengruppen rechne ich nie mit offener Konfrontation, weil ich auf die weibliche Konditionierung der anderen zähle, was auch eine Form des sicheren Gefühls sein kann. Aber erst in diesem Moment, auf meinem Sitzkissen auf Kreta, ist mir klar geworden, wie sehr mich diese Annahme von echtem Vertrauen abhält und wie weit meine Schamgefühle wirklich reichen. ... Ich glaube, weil diese Angst vor geheimer Missachtung so omnipräsent, so normal ist, wissen wir gar nicht, was für eine Gelassenheit möglich wäre, könnten wir uns wirklich vertrauen. ... Ich glaube, die Demütigung ist für mich die weiblichste Form von Bestrafung. ... Wenn wir unter Gewalt weiterhin nur brachiale männliche Gewalt verstehen, bleibt Gewalt, die über subtile Ausgrenzung und Beschämung ausgeübt wird, unerkannt. ... Wenn wir eine klare Vorstellung von weiblicher Gewalt hätten, dann könnten wir vielleicht besser einschätzen, wann und wo sie uns wiederfährt und wie wir sie selbst praktizieren. ... Eine noch viel schwierigere Aufgabe, weil wir die Opferrolle kennen, aber die Täterinnenrolle kaum, und große Angst davor haben, andere Menschen zu verletzen.“ (S. 159f, S. 163ff)
Sophia Fritz schließt mit folgendem Gedanken: „Erst wenn wir lernen, frei auf unser inneres Unbehagen zu hören und frei und unerschrocken miteinander zu sprechen, werden wir stabile Beziehungen zueinander aufbauen können.“ (S. 177)
... ein sehr ehrliches und reflektiertes Buch, das Mut macht, für möglich zu halten, dass der feministische Geschlechter-Diskurs eventuell doch noch einen heilsamen Ausgang finden kann. Ehrlicher Dialog ist angesagt, twogether! – Bravo.
„Toxische Weiblichkeit“ – Gespräch mit Sophia Fritz im Podcast „Hotel Matze“:
https://www.youtube.com/watch?v=YuOPSJ69ZGk
4,5 von 5 Sternen – Klaus
